Clubgeschichte

Der Golfclub Reischenhof ist inzwischen gut 30 Jahre alt, der Reischenhof

selbst ist freilich viel älter, nämlich mindestens 653 Jahre. Er ist zum ersten

Mal urkundlich bezeugt anno 1364. Seine wechselvolle Geschichte bis zur

modernen Nutzung soll hier dargestellt werden.

Von Harald Kächler

Der Reischenhof hieß ursprünglich Mittelbuchhof und war das Mittelstück der Reihe der

Buchhöfe: Unterbuch – Mittelbuch – Oberbuch. Diese drei Höfe bildeten mit Autenweiler

(siehe unten) bis 1521 eine Parochie, das heißt eine eigene Pfarrei. Die Mutterkirche

stand bis zur Einführung der Reformation in Wain in Oberbuch, auf alten Bildern bis zum

Ende des 17. Jahrhunderts ist sie noch dargestellt. Das zehn Kilometer entfernte

Orsenhausen war erstaunlicher Weise eine Filiale der Pfarrei Oberbuch, die bis 1440 dem

Kloster St. Blasien gehörte, ehe sie dessen Abt Nikolaus dem Ulmer Bürger Johannes

Besserer schenkte, der sie sechs Jahre später an das Kloster Ochsenhausen weitergab.

Als Orsenhausen immer größer wurde, wurde die Pfarrei 1457 dorthin versetzt, und die

Buchhöfe waren nun eine Filiale von Orsenhausen, bis sie im Jahre 1521 auch kirchlich zu

Wain kamen.

Der Hof zu Mittelbuch, der spätere Reischenhof, war ursprünglich im Besitz des Grafen

Heinrich von Werdenberg (bei St. Gallen), der das Anwesen im Jahre 1364 an den Ulmer

Bürger Johann Ehinger, der den Zunamen von Mailand trug, veräußerte. Fortan blieb der

Hof zu Mittelbuch im Besitz von Ulmer Bürgern, zum Beispiel von Ambrosius Neidhardt,

des Ulmer Stadtschreibers, der den Hof 1435 an den Ulmer Bürgermeister Hans Ehinger

verkaufte. Zu dieser Zeit hieß der Hofbauer laut Ulmer Stadtarchiv Hans Wenk, der

seinem Grundherrn, dem Bürgermeister Ehinger, jährlich sechs Malter Roggen, drei Malter

Hafer, zwei Pfund Heller Heugeld, hundert Eier, sechs Hühner im Herbst und eine Henne

zu Fastnacht abzuliefern hatte. Seit alters her trug der Hof zu Mittelbuch den Beinamen

„Reischen“ oder „Reuschen“, dessen Herkunft bis heute ungeklärt ist. Hieß ein

mittelalterlicher Hofbauer so? Oder ist es Flurnamen, der von einem rauschenden Bach, in

diesem Fall der Weihung abgeleitet ist?

Einiges über die Geschichte des Reischenhofs ist aus den Wainer Kirchenbüchern zu

erfahren: Als erstes, dass Martin Kohler, Sohn des Hans Kohler und Margaretha

Bißwürmin zu Mittelbuch, am 15. Juli 1576 die Witwe Margaretha Geiselmann von

Bethlehem, einem Ortsteil Wains, geheiratet hat. Oder dass im Jahre 1616 Marx (Markus)

Kohler von Mittelbuch und seine frische angetraute Ehefrau Regina Bozenhardin von der

Wainer Obrigkeit die empfindliche Geldstrafe von 40 Gulden (etwa der Preis für einen

Ochsen zur damaligen Zeit) aufgebrummt bekamen, weil die Braut viel zu früh ein Kind

geboren und sich trotzdem zur Zeit der Trauung als Jungfrau ausgegeben hatte.

Vorehelicher Geschlechtsverkehr war nämlich verboten und wurde hart bestraft.

1624 erschlug der Blitz den Bauern zu Mittelbuch namens Hans Kohler unmittelbar neben

seinem Hof, was im Wainer Kirchenbuch mit folgenden Worten vermerkt ist: (Er wurde)

„durch den Stral vom Himmel getroffen und getödtet (…), als er hiernächst bey seinem

Hoff under ainem Holtzbaum weylen Gewitters stund…“

Der Dreißigjährige Krieg erreichte ab dem Jahr 1630 auch den Reischenhof und hinterließ

seine zerstörerischen und tödlichen Spuren. Mittelbuch teilte das Schicksal aller außerhalb

Wains gelegenen Höfe, die der Krieg verwaist und verwüstet zurückließ, nachdem die

Bewohner von der Pest dahingerafft worden waren.

1651 erfüllte wieder neues Leben den Reischenhof wie viele anderen Anwesen in der

Ulmischen Herrschaft Wain, in der aus Kärnten ausgewiesene Glaubensflüchtlinge eine

neue Heimat fanden. Sie waren dort vor die Wahl gestellt worden, entweder der

lutherischen Lehre abzuschwören oder Haus und Hof zu verkaufen und zu verlassen. Der

Reichsstadt kamen die Kärntner Glaubensflüchtlinge gerade recht, um die verödeten Höfe

in ihrer Herrschaft Wain wieder instand zu setzen, denn schließlich waren die Einkünfte

dieser Höfe eine wichtige Einnahmequelle. Und die neuen Untertanen der

protestantischen Reichsstadt sollten natürlich auch Protestanten sein. Der Ulmer Magistrat

gewährte den neuen Siedlern in Wain für den beschwerlichen Anfang günstige

Konditionen wie ermäßigte Abgaben, was durchaus den Neid der verbliebenen Wainer

weckte.

Am 9. April 1651 übernahm der 45jährige Martin Seuter aus der Laastatt bei Arriach den

Hof zu Mittelbuch, genannt Reuschen, baute ihn wieder auf und übergab ihn 1675 an

seinen Sohn Hans. Im Jahre 1700 übertrug die Wainer Grundherrschaft den Reischenhof

Seuters Schwiegersohn Jakob Staigmüller.

Als Staigmüller 1744 starb, hinterließ er den Reischenhof in folgendem Zustand: Ein

Hofgut, genannt Mittelbuch, bestehend aus einem Haus, zwei Städeln, zwei Gärten, 52

Jauchert (Morgen) Acker und 25 Morgen Mahd (Wiesen), „worauß einem Hochedlen und

Hochweisen Magistrat der Stadt Ulm als Territorial-Herrschaft jährlich folgendes geraicht

wird: an Fruchtgültt 7 Malter Roggen und 4 Malter 4 Viertel Haber, (…) von Hauszins und

Küchenspeiß 3 fl. (Gulden) 29 xr. (Kreuzer) an Geltt, dann bey jeder Vernderung der 30te

fl. Seines Werths zu Handlohn, der große Zehend aber der Pfarr Orsenhausen und der

kleine dem Hl. Pfarrer zu Wain“ usw. (Wainer Gemeindearchiv) Extra erwähnt die

Urkunde, dass der Reischenhof über gute Pferde verfügt habe.

Der letzte Staigmüller auf dem Reischenhof starb 1798 im Alter von erst 33 Jahren an

„Auszehrung“, wie man die Tuberkulose damals nannte. Über ihn hatte der Wainer

Heiligenpfleger (heute Kirchenpfleger) zehn Jahre zuvor notiert: „Auf Absterben des

Reuschenbauers Georg Friedrich Staigmüller hat dessen Sohn seinen Kirchenstuhl unten

an der Lehnen bestanden mit 1 fl.“ Die Verleihung der Sitzplätze in der Wainer

Michaelskirche waren eine wichtige Einnahme für die Pfarrei.

Staigmüllers Witwe heiratete Georg Friedrich Reutter, dessen Vermögen auf 1375 Gulden

geschätzt wurde, womit der Reischenhofbauer in Wain an dritter Stelle stand. 1824

übergab Reutter sein Hofgut zu Mittelbuch seinem Schwiegersohn Johannes Wiedersatz.

1856 kaufte die Wainer Gutsherrschaft, also die freiherrliche Familie von Herman, den

Reischenhof, der sich somit seit nunmehr 161 Jahren in ihrem Besitz befindet. Laut

Wainer Gemeinderatsprotokoll erklärte sich der neue Besitzer bereit, gegen eine jährliche

Entschädigung von 30 Gulden den Weg von Wain zum Reischenhof zu unterhalten. Die

Laupheimer Oberamtsbeschreibung von 1856 weiß bereits zu berichten: „Der Hof ist

Eigenthum des Freiherrn v. Herman und wird durch einen Beständer (Pächter), der

namentlich auch einen schönen Viehstand hält, rationell bewirthschaftet.“ (S.289) Im Jahre

1886 lebten und arbeiteten auf dem Reischenhof zwölf Personen.

1922 bekam der Hof zu Mittelbuch endgültig seinen heutigen Namen Reischenhof. Damit

folgten der Wainer Gemeinderat und anschließend das württembergische

Innenministerium dem Antrag des Freiherrn von Herman auf Umbenennung mit der

Begründung, dass der Namen Reischenhof „schon seit Menschengedenken im Volksmund

geläufig ist“ und ständig Verwechslungen mit dem Ort Mittelbuch bei Ochsenhausen

vorkämen.

Gutsbesitzer Benno Richard Freiherr von Herman hatte 1928 an der landwirtschaftlichen

Hochschule in Stuttgart-Hohenheim sein Diplom-Examen mit Bravour abgelegt und

versuchte nun, den Reischenhof technisch und wissenschaftlich immer auf dem neuesten

Stand zu halten. Das galt in erster Linie für die Viehzucht: 1936 ließ Freiherr von Herman

auf dem Reischenhof einen „modernst eingerichteten“ Schweinestall errichten. Die

Heimatzeitung fügte hinzu: „Im Zuge dieser Investition wurde auch einem sozialen

Bedürfnis Rechnung getragen, als für die Gefolgschaft des Reischenhofs eine

Badegelegenheit geschaffen worden ist.“ Zwei Jahre später bekam der Reischenhof eine

neuzeitlich Milchkühlanlage.

1932 richtete die Gutsverwaltung auf dem Reischenhof eine Jungviehweide ein und ließ

die Wainer Landwirte daran teilhaben. 1934 betrug die Weidezeit 155 Tage, die Tiere

nahmen durchschnittlich 108 kg zu. 1938 kam auf dem Reischenhof für den Laupheimer

Pferdezuchtverein eine Fohlenweide hinzu, für die pro Tier ein Weidegeld von 120

Reichsmark zu entrichten war.

Zahlreiche Inserate in der Heimatzeitung zeigen, wie sehr das Leben und Arbeiten auf

dem Reischenhof bis weit ins 20. Jahrhundert von der Landwirtschaft geprägt gewesen ist.

Ein paar Kostproben: „Hof Mittelbuch setzt dem Verkaufe aus: 14 Monat alten

sprungfähigen Farren, lichtbraun Schwyzer Rasse (…) 35 Ztr. Qualitätvolle, schönfarbige

Hopfen“ (1909); „Auf hiesigem Gut findet ein jüngerer tüchtiger Pferdeknecht zu

beliebigem Eintritt Stelle. Auch wird ein scharfer, wachsamer Hund, gleich welcher Rasse,

am liebsten Schäferhund, zu kaufen gesucht.“ (1919) „Gutsverwaltung Mittelbuch sucht

tüchtigen Oberschweizer (Melker) sowie einen jüngeren Schweizer“ (1919); Saugschweine

und Most hat zu verkaufen Gutsverwaltung Reischenhof Tel. Nr. 3“ (1924); „Gutes

Wiesenheu (süß) hat abzugeben zu RM 4,80 für 50 kg, ein größeres Quantum frei Hof“

(1935); „Frauen und Mädchen für die Kartoffelernte für sofort gesucht. Werden in

Dietenheim abgeholt.“ (1954) „Tüchtiger Lanz-Bulldog-Fahrer für sofort sowie

Landarbeiter-Familie auf 1. Juni bei gutem Lohn gesucht.“ (1956)

Die letzten Verwaltung des Hofguts Reischenhof waren Wilhelm Ginader, Karl Hofmann

und Joachim Sydow. Dann wurde der Reischenhof vom Württembergischen

Braunviehzuchtverein gepachtet, bis dann Hof und Areal einer neuen Nutzung zugeführt

wurden.

Der Kurs Autenweiler ist benannt nach einem Anwesen zwischen dem Reischenhof und

Oberbuch, das im 19. Jahrhundert abgegangen ist und von dem keine Spuren bzw.

Überreste mehr zu finden sind. Noch in der „Beschreibung des Oberamts Laupheim“ aus

dem Jahre 1856 ist zu lesen: „Autenweiler, ein ansehnlicher Hof, der eine halbe Stunde

südlich vom Mutterort (Wain) im Thale der zunächst am Ort entspringenden Weihung eine

geschützte, etwas abgelegene Lage hat.“ (S. 288) Wie Mittelbuch, das heißt der

Reischenhof, ist Autenweiler seit 1364 bezeugt, als Graf Heinrich von Werdenberg den

Hof an den Ulmer Bürger Johann Ehinger von Mailand verkauft hat – derselbe Vorgang

wie beim Reischenhof. Wie der Reischenhof war Autenweiler in der Folgezeit Kauf- und

Tauschobjekt vermögender Ulmer Bürger, bis Jörg Ehinger den Hof im Jahre 1463 für 550

Reichstaler an das Kloster Ochsenhausen verkaufte.

Im 16. und 17. Jahrhundert saßen mehrere Generationen der Familie Segmehl auf dem

Hof zu Autenweiler, wie die Familie Kohler auf dem benachbarten Reischenhof überlebte

die Familie Segmehl den Dreißigjährigen Krieg nicht. Wie den Reischenhof übernahm

1651 das verwaiste Autenweiler ein Kärntner Glaubensflüchtling: Carl Denck aus Villach.

Zwischenzeitlich gehörte der Hof dem Ulmer Steuermeister Jakob Welz. Jakob, Johannes

und Veit Bosch waren im 19. Jahrhundert die letzten Bauern auf dem Hof zu Autenweiler,

dann verliert sich dessen Spur.

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